21.7.2019

Zu Besuch beim Mann, der zwei Kriege überlebte

Schweiz und Welt
Der 2. Weltkrieg ist in der Normandie noch immer omnipräsent. Hier ein amerikanischer Sherman-Panzer am Omaha-Landungsstrand.

Es ist gemütlich im Häuschen von Charles und Janine Jouas. Der bald 86-jährige Hausherr - zeitlebens wohnhaft in Saonnet in der Normandie - empfängt mich sehr freundlich. Kein Wunder: Ich kenne ihn schon seit rund 20 Jahren. Seit seiner Hüftoperation vor ein paar Monaten nimmt es der ehemalige Landwirt etwas gemütlicher, obschon er noch immer drei Pferde hält und diese selbstverständlich gut pflegt. Frau Janine ist beim Coiffeur. Ich müsse unbedingt zum Mittagessen bleiben, meint er und ruft seine Frau an. Diese soll etwas feines zum Mittagessen besorgen.

Charles hat viel erlebt in seinem Leben. Als Junge die deutsche Besatzung während dem 2. Weltkrieg. Später als Soldat den Algerienkrieg.

Ein Gläschen Muskat ist auch bald auf dem Tisch. Apéritif halt. Bald einmal sind wir am Politisieren. Und dann auch in der Geschichte verschwunden. Charles hat viel erlebt in seinem Leben. Als Junge die deutsche Besatzung während dem 2. Weltkrieg. Auf dem Hof seiner Eltern war ein Zug deutscher Soldaten einquartiert. Charles weiss zwar, dass deutsche Soldaten auch in Frankreich Verbrechen begangen hätten. Aber zu ihnen seien sie immer korrekt und freundlich gewesen, betont er.

Charles und Janine Jouas haben als Kinder die Landung der Allierten in der Normandie erlebt.

Am 6. Juni 1944 kurz nach Mitternacht seien die Soldaten in ihren Stiefeln aus dem Haus gestürmt und an die Küste in ihre Stellungen gegangen. Die Landung der allierten Truppen in der Normandie hatte begonnen. Der amerikanische Landungsstrand Omaha-Beach lag weniger als 10 km von Jouas Hof. Der Geschützlärm sei bald auch bei ihnen hörbar gewesen. Und er sei am 7. und 8. Juni immer näher gekommen. Etwas weiter oben in seinem Dorf kam es zu heftigen Gefechten, bei denen mehrere Menschen und viele Kühe starben.

Bereits am Morgen des 9. Juni seien die amerikanischen Soldaten bei ihnen eingetroffen. Jedes Zimmer hätten sie durchsucht, um allfällige deutsche Heckenschützen zu finden. Seine Familie hat Glück gehabt. Einzig der Ehemann der älteren Schwester kommt tuberkulosekrank aus der deutschen Kriegsgefangenschaft zurück. Alle anderen überlebten.

Sein emotionalstes Erlebnis aus dem 2. Weltkrieg betraf einen kriegsgefangenen Deutschen, der von 1944 bis 1947 bei seinen Eltern auf dem Hof zur Arbeit zwangsverpflichtet war. "Heinz" hiess er.

Sein emotionalstes Erlebnis aus dem 2. Weltkrieg betraf einen kriegsgefangenen Deutschen, der von 1944 bis 1947 bei seinen Eltern auf dem Hof zur Arbeit zwangsverpflichtet war. "Heinz" hiess er. Und Charles hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu dem nicht viel älteren Kriegsgefangenen entwickelt. Nachdem dieser ihren Hof verlassen hatte, musste er auf einem anderen Hof arbeiten. Dann hiess es, die Gefangenen könnten nach Hause. Doch der sehr pflichtbewusste Heinz habe noch die Arbeit, die er angefangen hatte, fertig machen wollen. Diese bestand aus dem Zusammenräumen und Verbrennen von Ästen.

Doch leider habe sich ein Blindgänger in einem der Asthaufen versteckt - oder jemand habe ihn darin versteckt, deutet Charles an. Heinz zündete das Feuer an - und war nach der Explosion sofort tot. Diese Geschichte beschäftigt Charles noch heute. Er sucht und sucht eine Fotografie von Heinz, um mir diese zu zeigen, findet sie aber nicht.

Der US-amerikanische Landungsstrand Omaha-Beach.

Szenenwechsel: Wir sitzen im Wohnzimmer und Charles zeigt mir sein Fotoalbum aus dem Algerienkrieg. 30 Monate war er als Soldat von 1954 bis 1956 in Nordafrika im Einsatz. Algerien gehörte damals zu Frankreich. Die Algerier wollten unabhängig werden, doch weil auch viele Franzosen dort lebten, kam es zum jahrelangen Guerillakrieg. Und dieser Krieg steckt Charles noch immer in den Knochen. Er ist noch heute wütend über die damalige Regierung, welche ihn und seine Kameraden in das gefährliche und unnötige Abenteuer schickte. Algerien wurde schliesslich 1962 doch in die Unabhängigkeit entlassen.

Das alte Schiff war nicht einmal richtig geputzt . In ihren Unterkünften sei überall Erbrochenes gewesen.

Schon die Überfahrt aus Marseille sei eine Zumutung gewesen. Das alte Schiff war nicht einmal richtig geputzt . In ihren Unterkünften sei überall Erbrochenes gewesen. Auch in Algerien war das Leben alles andere als komfortabel. Sie mussten meistens auf dem Boden schlafen - und zwar ohne moderne Schlafsäcke oder gar Unterlagsmatten. Er habe sogar Rheuma gekriegt deswegen.

Der Krieg an sich sei ganz anders gewesen als der, den er 10 Jahre zuvor in der Normandie erlebt hatte. Der Feind war meistens unsichtbar. Die Attacken kamen aus dem Hinterhalt. Charles war als Fahrer im Einsatz. Zunächst steuerte er einen amerikanischen GMC-Lastwagen, der eine Kanone zog. Danach war er als Jeep-Fahrer für Offiziere und Unteroffiziere im Einsatz. Einmal gerieten sie in einen Hinterhalt. Der Leutnant neben ihm sei getroffen worden, habe seinen Kopf gegen Charles Brust geneigt und sei verstorben.

Charles und Janines Väter waren bereits im 1. Weltkrieg (1914-1918) im Dienst. Zwar hatten beide Väter überlebt. Doch Charles Vater hatte den linken Arm samt Schultergelenk verloren.

Nach diesem 30-monatigen Kriegseinsatz führte Charles Jouas während Jahrzehnten unauffällig seinen Bauernhof weiter und brachte es mit seiner Frau Janine zu bescheidenem Wohlstand. Nachdem die 81-jährige Janine vom Coiffeur zurückgekommen ist, geht das Gespräch noch etwas weiter. Und zwar in der Zeit noch etwas weiter zurück. Denn die Väter von beiden waren bereits im 1. Weltkrieg (1914-1918) im Einsatz. Zwar hatten beide Väter überlebt. Doch Charles Vater hatte den linken Arm samt Schultergelenk verloren. Trotzdem führte er - auch dank der kräftigen Mithilfe von Charles Mutter - den Landwirtschaftsbetrieb und zogen nicht weniger als 10 Kinder auf.

Emmanuel Macron bei Parade am 14. Juli in Paris: "Strategische Autonomie". (Quelle: Spiegel.de)

Charles und Janine Jouas geht es gut. Sie sind zwar betagt. Aber trotz ihrer Altersgebrechen ist das Haus blitzblank geputzt und das Mittagessen im Nu zubereitet. Das Gespräch verlagert sich auf die Aktualität. Frankreich führt übrigens noch immer in aller Welt Kriege. So etwa in jüngerer Zeit in Mali in Afrika, in Syrien im Nahen Osten oder in Afghanistan im Fernen Osten. Und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron will die Möglichkeiten für gemeinsame Militäroperationen der EU sogar noch ausbauen, wie er gerade vor einer Woche am französischen Nationalfeiertag - dem 14 juillet - bekannt gab. Macron will eine gemeinsame europäische Armee, um damit eine dritte Weltmacht neben den US-Amerikanern und den Chinesen zu bilden.

Charles Jouas weiss, was es heisst, als einfacher Soldat die Knochen für die Grossmachtspläne der eigenen Regierung hinzuhalten.

Charles Jouas weiss, was es heisst, als einfacher Soldat die Knochen für die Grossmachtspläne der eigenen Regierung hinzuhalten. Charles hält deshalb auch von der heutigen französischen Politik nicht viel. Aus seiner Sicht müsste Emmanuel Macron abgewählt werden. Aber François Fillon - einst sein Hoffnungsträger - sei leider ebenfalls sehr korrupt.

Ich hoffe, dass ich Charles und Janine auch bei meinem nächsten Besuch in der Normandie noch antreffen darf. In der Zwischenzeit empfehle ich den EU-Turbos in der Schweiz, auch mal Ferien in der Normandie zu buchen und einen alten Mann wie Charles Jouas zu besuchen. Einen Mann, der zwei Kriege hautnah erlebt und glücklicherweise überlebt hat.

Autor: Samuel Krähenbühl