8.7.2021

Das Justistal und seine Alpen

Stadt und Land
Das Justistal mit Blick vom Püfelboden in Richtung Sichle.

Links und rechts steile Felswände, welche nach unten immer grüner und flacher werden. Auf dem Stück flachen Talbodens windet sich der Grönbach. Abgeschlossen wird das Tal hinten von einer bogenförmigen Krete, deren Name «Sichle» perfekt ihre Form beschreibt. Wenn ein Künstler aus seiner inneren Vorstellung ein perfektes Tal malen würde, dann würde es dem Justistal ähneln.

Der berühmte Chästeilet

Im ganzen Land und darüber hinaus bekannt ist das Justistal vor allem wegen seiner Alpwirtschaft mit dem berühmten «Chästeilet», der in der Regel am Freitag vor Bettag stattfindet. Die Sigriswiler betonen jeweils stolz, dass der Justistaler Chästeilet der älteste und mit Ausnahme des Teilets bei der Zettenalp, die ebenfalls in der Gemeinde Sigriswil liegen, der einzig echte Chästeilet überhaupt sei. Denn hier geht es nicht um den Käsehandel, sondern um die möglichst gerechte Aufteilung der Käse unter die Genossenschafter der neun Alpen.

Der Chästeilet - der Höhepunkt und Abschluss des Alpsommers.

Das zu Grunde liegende Prinzip und Regelwerk ist nicht einfach zu verstehen. Das tut aber der riesigen Popularität des Chästeilet keinen Abbruch. Zahlreich strömt das interessierte Publikum aus nah und fern jeweils im Herbst in das Tal, um dem uralten, seit 1739 bezeugten, Brauchtum beizuwohnen. Doch der Alpsommer im Justistal ist weit mehr als nur der Chästeilet. Er beginnt bereits im Februar mit der Berggemeinde, bei der Beschlüsse der Alpgenossenschafter für die neue Alpsaison gefällt werden. Und er endet erst im November mit der Bergrechnung, wo die Alpgenossenschaften mit den Bewirtschaftern abrechnen.

Adolf Stähli und Trauffer liessen sich hier inspirieren

Doch das Justistal bietet noch viel mehr. So hat das Tal eine musikalische Seite. Jodlerkomponist Adolf Stähli (1925-1999) liess sich hier zu einigen seiner schönsten Kompositionen inspirieren. Und Mundartpopsänger Trauffer nahm auf einer Alphütte im Justistal seine CD «Schnupf, Schnaps & Edelwyss» auf. In der Zeit des 2. Weltkriegs war das Justistal eine letzte Bastion gegen eine Eroberung gegen Hitlers. Noch heute legen Bunker und Festungen des Réduit National Zeugnis über den Wehrwillen der Schweiz ab.

Meine Schwester Therese und ich präsentieren unser Justistal-Buch vor der Sichle.

Doch wie kam es dazu, dass meine Schwester Therese Krähenbühl-Müller und ich ein Buch über genau dieses Justistal, seine Alpen und noch viel darüber hinaus schrieben? Es begann – im Justistal. Und zwar mit einem anderen Buch. Meine Schwester Therese besuchte letzten Sommer das Alpbeizli von Lilli Jaberg im "Grossen Mittelberg". Sie zeigte ihr den Entwurf zu ihrem Buch "Der Bär vom Justistal" und dass sie bisher niemanden gefunden habe, der das Buch publizieren wollte. Therese riet ihr daraufhin, mit dem Weberverlag Thun in Kontakt zu treten. Nur wenige Wochen später war das Buch gedruckt und veröffentlicht. Und schon bald die erste Auflage ausverkauft.

Der Erfolg dieser schönen Kindergeschichte zeigte uns, dass das Justistal die Menschen fasziniert und so entstand unter anderem die Idee für das Buch. Konkret am letzten Chästeilet, der bedingt durch Corona viel intimer und gemütlicher war, als er das sonst normalerweise ist und wir da halt auch etwas mehr Zeit hatten, über solche Projekte zu reden. Und eben auch der Erfolg von Liliane Jaberg mit ihrem Buch. Wir sassen zusammen in ihrem Beizli im Grossen Mittelberg, als sie uns erzählte, dass die erste Auflage verkauft sei. Wir schauten einander an und sagte: Warum machen wir nicht selber auch ein Buch über das Justistal?

Bergrecht im Justistal geerbt

Das erklärt allerdings noch nicht unsere Beziehung zum Justistal. Unsere Familie mütterlicherseits gehört zu denen, die schon seit Menschengedenken Bergrechte besessen haben. Unsere Grossmutter Margrit Schiller-Zeller hat eines von ihrer Tante Lina Boss-von Gunten geerbt. Diese hat es an unsere Mutter vererbt. Sie ist in Sigriswil aufgewachsen und fühlt sich diesem Ort immer noch sehr verbunden. Wir waren oft bei unserer Grossmutter, die in Oberhusen wohnte, in den Ferien und sind jeden Sommer mehrmals mit ihr ins Justistal gewandert. Und da wir unser Bergrecht selber mit einer Kuh besetzen, wurde ich schliesslich von den Genossenschaftern der Alp Grosser Mittelberg 2020 als Sekretär in ihren Vorstand gewählt.

Befestigung aus dem 2. Weltkrieg beim Schaflocheingang: auch das gehört zum Justistal.

Viele Geschichten waren uns vom Hören her bekannt, aber sie wurden halt immer wieder etwas anders erzählt. Das Buch bot die Chance, nochmals mit Menschen einer Generation zu reden, welche gewisse Ereignisse noch präsenter haben und darum auch detaillierter erzählen konnten Etwa die Geschichten der ehemaligen «Brotbueben», welche vor der Motorisierung den Sennen jeweils am Samstag Brot und andere Lebensmittel ins Tal brachten. Oder dann auch die Geschichten rund um den 2. Weltkrieg, als das Réduit gebaut wurde. Und natürlich die Sage vom «Hohseiler», die bisher unseres Wissens noch in keinem Buch publiziert worden ist. Sie wäre wohl sonst in den nächsten Jahrzehnten unwiederbringlich mit der älteren Generation, die sie noch kennt, weggegangen.

Mit dem eigenen Urgrossvater ein Buch geschrieben

Aber noch etwas hat uns inspiriert: Die Wiederentdeckung der alten Glasplatten (damalige Foto-Originale) unseres Urgrossvater Dr. Ernst Konrad Schiller, dem Vater unseres Grossvaters Ernst Schiller, der Dorfschullehrer in Sigriswil war. Die Familie unseres aus Winterthur stammenden Urgrossvaters hat mit seiner Familie ab 1910 in Sigriswil gelebt und von da an fotografiert.

Unser Urgrossvater hat vor über 100 Jahren bereits den Chästeilet fotografiert.

Diese Negative lagen teils über 100 Jahre vergessen auf dem Estrich unserer Grosseltern in Oberhusen im Dornröschenschlaf. Diese Bilder sind eine Trouvaille und vermitteln nochmals einen ganz neuen Eindruck vom Tal. Denn wir dürfen mit etwas Stolz sagen, dass unser Urgrossvater nicht nur früh, sondern auch gut fotografiert hat. Und weil wir noch die alten Glasplatten, also die entwickelten Negative, hatten, konnten gestochen scharfe und qualitativ hochstehende Fotos abgedruckt werden. Ja, etwas überspitzt kann man sagen: wir haben mit dem eigenen, 1947 verstorbenen Urgrossvater zusammen ein Buch geschrieben.

Wer "glustig" geworden ist, der kann das Buch selbstverständlich auch kaufen.

Im Internet bestellbar unter: www.weberverlag.ch

In Sigriswil erhältlich bei: Lilis Alpbeizli, Grosser Mittelberg, Justistal; Papeterie schrybzone 55, Sigriswil; Restaurant Rothorn, Schwanden.

Das Buchcover unseres Buches "Das Justistal und seine Alpen".

Autor: Samuel Krähenbühl